Kind streichelt das Maul eines braunen Pferdes auf einem Reitplatz im warmen Morgenlicht

Reittherapie in Deutschland — Geschichte einer wachsenden Therapieform

Hallo liebe Pferde- und Reitfreunde,

kaum eine Therapieform hat sich in den vergangenen Jahrzehnten so leise und doch nachhaltig in der deutschen Gesundheits- und Bildungslandschaft etabliert wie die Arbeit mit dem Pferd. Heute möchte ich einen Blick auf die Geschichte werfen, die hinter dem steht, was wir heute selbstverständlich als Reittherapie, Hippotherapie oder pferdegestützte Förderung bezeichnen.

Die Anfänge in der Nachkriegszeit

Wer die Wurzeln der modernen Reittherapie sucht, landet bei der dänischen Reiterin Liz Hartel. Sie gewann 1952 in Helsinki die Silbermedaille in der Dressur — und das, obwohl sie durch eine Polio-Erkrankung gelähmt war. Ihr Erfolg machte Ärztinnen und Therapeuten in ganz Europa schlagartig bewusst, was die Bewegung eines Pferdes mit einem menschlichen Körper machen kann: rhythmisch, dreidimensional, tief im Becken spürbar.

In Deutschland gründete sich daraufhin in den 1970er-Jahren das Kuratorium für Therapeutisches Reiten (DKThR). Es bündelte erstmals das Wissen aus Reiten, Medizin und Pädagogik und gilt bis heute als zentrale Anlaufstelle für Ausbildung und Forschung.

Drei Disziplinen, ein Pferd

Was viele als „Reittherapie“ zusammenfassen, sind eigentlich drei voneinander getrennte Disziplinen:

Die Hippotherapie ist die medizinisch-physiotherapeutische Variante. Sie wird von ausgebildeten Physiotherapeutinnen angewandt, etwa bei Multipler Sklerose oder nach Schlaganfällen. Der Klient sitzt passiv auf dem Pferd, die Bewegung des Pferderückens überträgt sich auf das menschliche Becken und stimuliert die natürliche Gangbewegung.

Das Heilpädagogische Reiten arbeitet mit Kindern und Jugendlichen, oft bei Verhaltensauffälligkeiten, AD(H)S oder Bindungsstörungen. Hier geht es weniger ums Reiten als ums Beobachten, Putzen, Führen — das Pferd wird zum Gegenüber, das ehrliches Feedback gibt.

Die Psychotherapeutisch orientierte Reittherapie schließlich ist die jüngste der drei. Sie verbindet Gesprächstherapie mit dem Erleben am Pferd und wird zunehmend in der Trauma- und Burnout-Begleitung eingesetzt.

Warum ausgerechnet das Pferd?

Pferde sind Fluchttiere mit einer sehr feinen Wahrnehmung. Sie reagieren auf das, was sie tatsächlich vor sich haben — nicht auf das, was jemand erzählt oder darstellt. Diese Ehrlichkeit ist das, was therapeutisch wertvoll ist. Wer im Stall steht und das Pferd weicht zurück, bekommt ein direktes Signal: irgendetwas an meiner Körperhaltung, meiner Stimme, meiner Anspannung passt nicht. Kein Therapeut der Welt kann eine solche Rückmeldung so klar geben.

Hinzu kommt die schiere Größe. Ein Pferd ist ein lebendiges Wesen von 500 bis 700 Kilogramm. Wer lernt, mit so einem Gegenüber kooperativ umzugehen, lernt etwas über sich selbst, was sich im Therapieraum nur schwer simulieren lässt.

Wachstum eines stillen Sektors

Auch wenn die Reittherapie noch nicht in allen Bundesländern als Heilberuf anerkannt ist, wächst die Zahl der ausgebildeten Reittherapeutinnen und der spezialisierten Höfe Jahr für Jahr. In NRW, Bayern und Baden-Württemberg gibt es inzwischen flächendeckende Angebote, in ländlichen Regionen oft über private Reiterhöfe, die sich auf bestimmte Zielgruppen spezialisiert haben.

Was vor 50 Jahren noch als esoterische Randerscheinung galt, ist heute ein vielschichtiges Feld zwischen Schulmedizin, Pädagogik und Erlebnistherapie. Und mittendrin: das Pferd, das einfach Pferd bleibt.

Schöne Pferdezeit euch allen,
euer Kinequin-Team